Brendan Lemieux – der «HCD-Bösewicht» vertreibt die Dämonen der Vergangenheit
Nie seit Einführung der Playoffs (1986) hat es diese Wandlung vom vermeintlichen Bösewicht zum Leitwolf gegeben. Eilte je einem neuen, je einem ausländischen Spieler ein so schlimmer Ruf voraus wie Brendan Lemieux bei seiner Ankunft im Dezember 2024 in Davos? Wahrscheinlich nicht. Ja, der Rekordmeister erntete Entrüstung für die Verpflichtung gleich bis 2027. Selbst der jeder Polemik abholde «Tages-Anzeiger» titelte: «Er biss dem Gegner die Hand blutig – jetzt spielt das NHL-Raubein in Davos».
Eine Anspielung auf die Episode, als er in Diensten der Los Angeles Kings seinem Gegenspieler Brady Tkachuk bei einem Fight zweimal in die Hand gebissen hatte und von der NHL für fünf Spiele gesperrt worden war. Tkachuk sagte damals:
Schlimmer geht nicht.
Die Bilanz von Brendan Lemieux als «Hockey-Bösewicht» in Nordamerika: 62 Faustkämpfe und 924 Strafminuten in 452 NHL- und AHL-Partien. Aber lediglich 74 Tore.
Ach, was für eine Geschichte! Brendan Lemieux konnte eigentlich gar nicht anders als «böse» sein. Sein Vater Claude Lemieux war einst einer der bissigsten und erfolgreichsten Provokateure in der Geschichte der NHL. 1 449 Partien in 21 Jahren, 944 Punkte, 2 306 Strafminuten und vier Stanley Cups. Eine Ikone des wahren, rauen kanadischen Hockeys. Und es fehlte bei der Verpflichtung seines Sohnes in Davos auch nicht an boshaften Hinweisen, dass er ja Partner einer einflussreichen Spielervermittler-Agentur in der Schweiz sei. Wenn sich je ein Spieler bei seiner Ankunft in der National League nicht aus dem langen Schatten eines berühmten Vaters lösen konnte – dann Brendan Lemieux.
HCD-Trainer Holden mahnte zur Sachlichkeit
Im dritten Playoff-Halbfinal zwischen den ZSC Lions und Davos am 3. April 2025 in der Swiss Life Arena kommt es zum allseits erwarteten Eklat: Brendan Lemieux hatte bis dahin in 17 Einsätzen lediglich einen einzigen Skorerpunkt gebucht und nur ein wenig geschubst und gerempelt. Alles harmlos und bloss mit zwölf Strafminuten sanktioniert. Der Halbfinal steht 1:1, die dritte Partie steht auf der Kippe. Die ZSC Lions führen nur 2:1. In der 38. Minute balgt sich Brendan Lemieux ein bisschen mit ZSC-Stürmer Chris Baltisberger. Linienrichter Dominik Altmann eilt pflichtbewusst herbei und will die Streithähne trennen, als ihn der Kanadier mit der rechten Faust am Kinn trifft. Altmann sinkt aufs Eis. Knocked out. Er kann die Partie nicht mehr fortsetzen. Restausschluss für Brendan Lemieux. Die ZSC Lions gewinnen 5:1, entscheiden den Halbfinal in fünf Partien und der Bösewicht kassiert vier Spielsperren.
HCD-Trainer Josh Holden hat damals die Aktion von Brendan Lemieux nicht gerechtfertigt, aber zur Sachlichkeit gemahnt:
Der HCD-Trainer hält seither unbeirrt zu seinem heftig kritisierten Kanadier und erklärt die Rolle des Kanadiers: Brendan Lemieux sei während seiner Karriere als Profi in der Rolle eines Bösewichtes gefangen gewesen, auch weil eben sein Vater als Raubein sehr erfolgreich war. Dabei werde verkannt, welch guter Spieler Brendan Lemieux eigentlich sei – ein kräftiger Powerflügel, der Raum vor dem gegnerischen Tor schaffe, gesunde Härte und Emotionen ins Spiel bringe und seinem Team in schwierigen Situationen helfen könne. Das sagte Josh Holden zu einem Zeitpunkt, als alle noch den «bösen» Brendan Lemieux brandmarkten und dessen Verpflichtung kritisieren.
Der bissige Leitwolf beim HCD: Brendan Lemieux
Kehren wir zurück in die Gegenwart. Der HCD hat in den letzten 15 Tagen inklusive Spengler Cup 11 Spiele bestritten. Eine Phase mit maximaler Belastung und in den letzten beiden Partien fehlte auch noch Topskorer Matej Stransky. Und doch bleibt der HCD konkurrenzfähig: Ein Punkt in Biel (3:4 n.P), ein Sieg im Spitzenkampf gegen Lausanne (5:1) und in einer intensiven, hochstehenden und lange Zeit auf des Messers Schneide stehenden Partie eine Niederlage in Langnau (1:3). Der bissige Leitwolf beim HCD: Brendan Lemieux. Vier Tore in diesen letzten drei Spielen und nur vier Strafminuten.
Nun wird in Davos sein spielerisches Potenzial sichtbar, das er über die Jahre gefangen in der Zwangsjacke seines Rufes im nordamerikanischen Profihockey nie richtig hatte entfalten können. Der 29-jährige Kanadier hat die Dämonen der Vergangenheit vertrieben. «Na ja, wer will, kann da so sagen», räumte Josh Holden nach dem Gastspiel in Langnau schmunzelnd ein.
Der HCD-Trainer hat auf der ganzen Linie recht behalten. Brendan Lemieux kann in den Playoffs das «Schmirgelpapier» sein, das für den HCD die Differenz macht und ein wichtiges Steinchen in einem meisterlichen Mosaik werden.
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